Ich sehe sämtliche Begutachtungen, ob beim Pflegegeld oder bei der erhöhten Familienbeihilfe, als psychisch übergriffig an. Bei uns spielt Autismus eine Rolle, und unsere Erfahrung ist: Bevor einem fachärztlichen Befund geglaubt wird, wird zuerst die Erziehungskompetenz infrage gestellt, etwa wenn sich das Kind nicht freudestrahlend ausziehen und abhören lässt. Danach muss man neben dem eigenen Kind sitzen und all das erklären, was an ihm „nicht passt“.
Das ist ein großer Vertrauensbruch zwischen Eltern und Kind, besonders wenn es um Themen wie Einnässen geht, und für das Selbstvertrauen eines Kindes, das ohnehin schon damit kämpft, anders zu sein, eine echte Watsche. Bei uns spüren wir die Auswirkungen danach noch mehrere Wochen lang. Genauso empfinde ich es als Vertrauensbruch gegenüber dem übrigen medizinischen System in Österreich, wenn Befunde von Fachkräften nicht anerkannt, heruntergespielt oder schlicht nicht ernst genommen werden.
Aus meiner Sicht wäre eine Beurteilung auf Aktenlage, gestützt auf vorhandene Befunde und zusätzliche objektive Entwicklungsberichte aus Kindergarten oder Schule, absolut möglich. Das würde Familien entlasten, die Bürokratie entlasten und dem Ärztemangel entgegenkommen. Ich musste bei der erhöhten Familienbeihilfe bereits zweimal berufen und beim Pflegegeld klagen. Als pflegender Elternteil bewegt man sich ohnehin ständig an der emotionalen Belastungsgrenze und muss dann noch zusätzliche Termine dafür aufbringen.
Passend zu diesem Thema erhielt ich gestern die Einladung zur Untersuchung anlässlich des achtzehnten Geburtstags meiner Tochter. Dabei wird entschieden, ob ein Kind, das die letzten achtzehn Jahre als behindert galt, noch „genug“ behindert ist, um weiterhin Familienbeihilfe und damit die notwendige Krankenversicherung zu behalten. In unserem Bekanntenkreis kam es nach jahrelanger Einstufung von 50 oder 60 Prozent rund um den achtzehnten Geburtstag plötzlich zu einer regelrechten Wunderheilung: Auf einmal sind es nur noch 40 Prozent, und man fällt komplett aus dem Sozialsystem. Den Druck, den man vor so einer Untersuchung empfindet, kann man sich kaum vorstellen.
– Carina

