Bei meiner Begutachtung beim Sozialministeriumservice hatte ich einen vergleichsweise guten Tag. Ich leide seit meiner Kindheit unter unvorhersehbaren Luxationen beider Kniescheiben; ein Knie wurde deshalb bereits umfangreich operiert. Je nach Phase luxierte meine Patella mehrmals täglich oder einige Male pro Woche.
Im Alltag ist sie mir bereits beim Überqueren einer Straße luxiert, sodass mein Mann mich von der Fahrbahn ziehen musste. Beim Einsteigen in ein öffentliches Verkehrsmittel luxierte sie an der Bordkante – mein Mann zog mich zurück, die Türen schlossen sich und es fuhr ohne mich weiter. Auch im fahrenden Zug luxierte sie auf dem Weg zur Toilette. Danach konnte ich damals meist 10–15 Minuten nicht weitergehen und humpelte anschließend trotz starker Schmerzen weiter.
Bei der Begutachtung konnte ich jedoch normal gehen. Meine Patella-Instabilität wurde nach meiner Erinnerung nicht gezielt untersucht und zu solchen Alltagssituationen kaum nachgefragt. Im Gutachten wurde mein Gangbild als „harmonisch“ und ich als „sicher mobil“ beschrieben. Die Zusatzeintragung wurde u. a. mit der möglichen Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel abgelehnt.
Begutachtungen dürfen nicht nur Momentaufnahmen sein. Gerade bei schwankenden und unvorhersehbaren Einschränkungen sagt ein guter Tag wenig über den tatsächlichen Alltag aus. Neben Befunden und körperlicher Untersuchung muss deshalb die Lebensrealität stärker berücksichtigt werden.
Auch Kompensation darf nicht mit fehlender Behinderung verwechselt werden. Wer trotz Schmerzen weitergeht, Wege entsprechend plant, sich fahren lässt oder an einem guten Tag unauffällig gehen kann, ist deshalb nicht automatisch weniger eingeschränkt.
Ich wünsche mir unabhängige, respektvolle Begutachtungen, bei denen nicht nur zählt: „Was kann dieser Mensch gerade vor mir?“, sondern auch: „Wie sieht sein tatsächlicher Alltag aus?“
*Namen der Personen, die anonyme Berichte abgeben haben, sind der Lebenshilfe Österreich bekannt.

